Eingriffsorientierter Editionstyp
Im Rahmen der editorischen Arbeit wurden verschiedene Textzeugen gesichtet, um zu beurteilen, in welcher Abhängigkeit Ernst und Falk – Gespräche für Freymäurer im konkreten Prozess der Veröffentlichung steht. Dabei stellten sich dringliche Fragen nach der Zensur, nach weiteren, an der Publikation beteiligten Personen, nach den Druckkontexten, der Distribution und damit verbundenen Überlieferungsvarianten. Am Beispiel von Lessings Freimaurerdialog hat die Projektgruppe einen eingriffsorientierten Editionstyp1 entwickelt, der alle den Textzeugen zu Lebzeiten entnehmbare Hinweise auf die Publikationsgeschichte bewusst mit ediert, indem neben dem oder der AutorIn die Verweise auf Druckort, Drucker, Setzer, Verleger, aber auch etwaige Zensurspuren sowie im Druckzusammenhang stehende Briefe mit verzeichnet werden. Die textkritische Editionsarbeit wird auf diese Weise mit inhaltlich-praxeologischen Aspekten verbunden, um weiterführende Forschung zu ermöglichen. Erst eine solche erweiterte Zusammenstellung der einschlägigen Textzeugen bietet optimale Voraussetzungen, um die am Druck sowie die in unserem Fall an Lessings früher Kanonisierung beteiligten AkteurInnen und deren ästhetische, aber auch soziale Praktiken zu bestimmen. Das Paradigma werk-autor-bezogener Editionen wird dabei zwar aufgegriffen. Ergänzend wird das von Martus eingeführte Konzept für die literarische Kommunikation im 18. Jahrhundert (vgl. 2008) berücksichtigt und um solche Aspekte erweitert, die im unmittelbaren Vorgang der Publikation stehen. Konkret ist die Frage nach der ,Medienkonversion‘ (Spoerhase 2018, 33) von handschriftlichen Artefakten zum gedruckten Buch für den vielfältig produktiven und früh kanonischen Autor Lessing einschlägig. Der Editionstyp fokussiert aus diesem Grund auf die für den Veröffentlichungsprozess relevanten Textteile (Zensur, Druckkontexte, Distribution). In Orientierung an der Materialität der Überlieferung werden sie mithilfe von Ontologien wie CIDOC-CRM und LRMoo (vormals FRBRoo) ereignisbasiert beschrieben. Die edierten Textzeugen können auf diese Weise miteinander vernetzt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf den involvierten Akteuren, also beispielsweise Knigge als Herausgeber des Fortsetzungsdrucks. Sie werden – gemeinsam mit anderen Entitäten – in den Transkriptionen vermerkt und mit Einträgen aus Normdatenbanken verknüpft. Auf diese Weise werden die Editionsdaten im Sinne des ,Semantic Web‘ für editionsübergreifende Fragestellungen geöffnet. Auch werden Streichungen, Anmerkungen und Lesespuren über die Autopsie und Revision der handschriftlichen und druckbezogenen Überlieferungsgrundlage auf Eingriffe von anderen hin ausgewertet, digital mitediert und ausgezeichnet. In der Überprüfung der autorzentrierten Print-Editionen wird damit ein Schwerpunkt auf die am Druckprozess orientierten Werkkontexte gelegt, die durch die Textkritik des 19. Jahrhunderts zugunsten der Textkonstitution ausgespart wurden. Zur Veranschaulichung der digitalen Visualisierung von Zensurspuren und Texteingriffen wird nun abschließend die digitale Auszeichnung der verschiedenen, an Veröffentlichung und Überlieferung beteiligten ,Hände‘ erläutert.
Technische Umsetzung: Auszeichnung von differenten ,Händen‘ als H-Eingriffe
Im Rahmen der Überprüfung der Textkonstitution von Ernst und Falk wurde ein in der Staatsbibliothek zu Berlin erhaltenes Manuskript mit Inhalt der ersten drei Gespräche in Augenschein genommen, das bereits von Lachmann/Muncker (1897) [im Folgenden durch LM mit römischer Band- und arabischer Seitenzahl abgekürzt, s. Forschungsbibliographie] und der Klassiker-Ausgabe (abgeschlossen 2003) [im Folgenden durch B mit arabischer Band- und Seitenzahl abgekürzt] als Druckvorlage für den Erstdruck erwogen worden war (vgl. Lessing 2001, 700). Von der Handschrift H1, die dem Verfasser - d.h. wahrscheinlich Lessing selbst - zuzuordnen ist, lassen sich drei weitere Hände unterscheiden, deren Hinzufügungen im Sinne des hier vorgestellten Editionstyps als ,Eingriffe‘ zu werten sind. Zur Unterscheidung werden diese zunächst möglichst chronologisch im Sinne des Eingriffszeitpunkts nummeriert in den Metadaten des TEI-Headers angelegt und dort weiter beschrieben. Anhand des Attributs @hand kann daraufhin innerhalb der Transkription auf diese Hände verwiesen werden. Die Eingriffe, die relativ zeitnah nach dem Verfassen der Handschrift erfolgten, sind Setzerzeichen mit rotem Buntstift (H2) und das Imprimatur in schwarzer Tinte (H3).2 Die Setzerzeichen markieren vorwiegend Druckbogengrenzen und sind folgendermaßen ausgezeichnet: <metamark function="printingSheet"/>. Das Attribut @rendition hält fest, dass es sich um vertikale Linien handelt, die im TEI-Header mit einer CSS-Anweisung zur Visualisierung verknüpft sind.
Verkompliziert wird die Unterscheidung von H2 und H3 dadurch, dass sich an einer Stelle eine Streichung befindet, die ebenfalls mit einem roten Buntstift vorgenommen wurde. Es handelt sich um eine doppelt angelegte Figurenrede, die sich im Wortlaut unterscheidet und von der eine Option gestrichen wurde. Vor diesem Hintergrund lässt sie sich als Auswahlangebot an den Zensoren verstehen. Im Markup wird die Streichung H2 zugeordnet, als verantwortlich für diesen Eingriff aber der Göttinger Altphilologe und Universitätszensor Christian Gottlob Heyne betrachtet: <del hand="#H2" rend="strikethrough" resp="#Heyne" type="censorship">Geh, du biſt ſchlaͤfrig. Ich auch.</del>. Heyne, der mit Lessing kollegial befreundet war und im Vorfeld der Publikation des Erstdrucks mit ihm in brieflichem Austausch stand, gab die Vorlage durch sein Imprimatur zum Druck frei (vgl. LM 13, S. 340).
Der Visualisierung liegt dieses Markup des Imprimatur zugrunde: <note hand="#H3" rendition="#r" subtype="imprimatur" type="hand">Impr Heyne</note>, wobei die Orientierung der Schrift in @rendition festgehalten wird. Der beige Kasten umrandet editionsweit nachträglich hinzugefügten Text. Die dunkel unterlegte Zuordnung der Hand erscheint, wenn sich der Mauszeiger auf einem Eingriff befindet.
Die Streichung und das Imprimatur werden zudem als Zensurpuren gewertet und sind als solche besonders einschlägig für die eingriffsorientierte Edition. Um dies auch im Markup abzubilden, ist in den Metadaten von H3 das Attribut @type="censor" hinzugefügt worden: <handNote n="censor" scribeRef="#Heyne" xml:id="H3">Handschriftliches Imprimatur in schwarzer Tinte</handNote>. In der bereits erwähnten Streichung wurde für diese Zuordnung das Attribut @type="censorship" verwendet. Mit geringem Aufwand können diese Bestandteile so in ein Register integriert werden, das alle Zensurspuren auflistet.
Abschließend wurden in der Druckvorlage bibliothekarische Anmerkungen mit Bleistift ergänzt. Diese sind als H4 in die Transkription aufgenommen worden. Hierzu zählen nachträglich hinzugefügte Seitenzahlen, die folgendermaßen annotiert wurden: <fw hand="#H4" place="top" type="pageNum">1</fw> . Die Nummerierung dieser Seitenzahlen verhält sich stimmig zu derjenigen, die auf den Folgeseiten von H1 (Lessing) eingetragen wurden.
Auszeichnung des Fortsetzungsdrucks nach A. Freiherr von Knigge
Um den Autorisierungsgrad der Druckvarianten in den XML/TEI-Transkriptionen unserer digitalen Lessing-Edition zu markieren, wurden in den Metadaten im TEI-Header unter sourceDesc/bibl/note/@type die Attributwerte "authorized" und "unauthorized" vergeben. In der Impulsedition von Ernst und Falk ist hier lediglich die a-Variante des Erstdrucks als autorisiert ausgezeichnet. Für den Fortsetzungsdruck wird zudem Knigge als Herausgeber in sourceDesc/bibl /editor mit dem Attribut @role="publisher" annotiert. Der von Knigge nach Lessing herausgegebene Text beinhaltete außerdem, nicht erst für uns, sondern natürlich auch schon für die Print-Editionen der Vergangenheit, die Herausforderung, wie mit den Zusätzen (der Vorrede als Paratext) und Kontaminationen (gelegentlichen Asterisken und Streichungen) umzugehen sei, die wahrscheinlich Knigge vornahm. Für die Wirkungsgeschichte des Freimaurerdialogs ist die Fortsetzung im Raubdruck insofern bedeutsam, als sie die einzige Textgrundlage für das vierte und fünfte Gespräch darstellt. Das Original liegt nicht mehr vor, weshalb sich mit der Ausnahme der von Knigge hinzugefügten Vorrede eines Dritten nicht im Detail aus- und nachzeichnen lässt, welche konkreten, wenn auch vermutlich geringen, Veränderungen und Auslassungen er an Lessings Text vornahm. In der Transkription wurde die Vorrede als Paratext daher vom restlichen Text gesondert als <div type="preface" subtype="Vorrede"> annotiert. Um die Autorschaft für diese zu hinterlegen und als Eingriff zu kategorisieren, wurde zudem das Attribut @resp[onsibility] verwendet, das auf Knigges Eintrag im Personenregister verweist. Der Umstand, dass seine Autorschaft für die Vorrede als sehr wahrscheinlich gilt, wird durch das Attribut @cert[ainty]="high" ausgedrückt und in der Beschreibung der Druckvariante philologisch begründet. Durch dieses Markup kann die Vorrede auf der Editionsseite zudem als Texteingriff markiert werden.
Zitiervorschlag:
Eingriffsorientierter Editionstyp. In: Digitale Neuedition der Drucke und Schriften G.E. Lessings 1770–1794. Hrsg. von der Projektgruppe ‚Lessing digital. Eingriffsorientierte Edition‘. https://lessing-digital.hab.de/intro/Editionstyp, abgerufen am: 13.05.2026.