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Ernst und Falk: Werkkontexte
Die Publikationsgeschichte von Lessings Ernst und Falk – Gespräche für Freymäurer mit zwei zu Lebzeiten veröffentlichten Drucken, die nur als zum Teil autorisiert gelten, ist komplex. So gehört der Freimaurerdialog zu den ersten Schriften, die Lessing unmittelbar nach der Wiedereinsetzung der Zensur infolge des Fragmentenstreits in den Druck gibt (vgl. Plachta 1994, S. 27ff.; Batley 2005) – gewissermaßen den herzoglichen Resolutionen zum Trotz. Auch wird Lessings Aufnahme in den Hamburger Freimaurerorden Zu den drei goldenen Rosen (1771) gemeinhin zu den Umständen gerechnet, welche den Publikationsprozess und die eigentümliche Dialogführung beeinflusst haben. Der von Anspielung, Ablenkung und Abbruch geprägte Text und Lessings Publikationsstrategie kann insofern sowohl auf das Verschwiegenheitsgebot der freimaurerischen Ritualpraxis, als auch auf einen zensur- bzw. gesellschaftspolitischen Bedingungsrahmen bezogen werden. Gleichwohl hat die Forschung immer wieder, spätestens im Ausgang von Kosellecks umstrittener Interpretation aus den späten 1950er Jahren, darüber diskutiert, wie politisch der Text zu verstehen sei, vgl. Fick 2016, Lessing Handbuch (4. Aufl.), S. 413-416 („Politische und sozialhistorische Deutungsrichtung"). Zudem regte die von Lessing in den letzten beiden Gesprächen eingebrachte These zum Ursprung der Freimaurerei und der Herleitung ihrer symbolischen Praxis weitere, z.T. literarische Fortsetzungen des Themas an.
Zu Lebzeiten Lessings erschien der Freimaurerdialog in zwei Drucken; im Erstdruck der ersten drei Gespräche (1778) sowie in dem mit großer Wahrscheinlichkeit von Adolph Freiherr von Knigge (s. Fenner 1994) im Winter 1780/1781 herausgegebenen Fortsetzungsdruck mit den Gesprächen IV und V. Beide Drucke wurden dieser Edition (wie auch in vergleichbarer Weise den Editionen von LM und B (s. Forschungsbibliographie) zu Grunde gelegt und sind unter ,Blättern' bzw. ,Lesen' einsehbar. Darüber hinaus erschienen Drucke in Bezug auf das vierte und fünfte Gespräch in Journalpublikationen, deren erste von Johann Georg Hamann (1730-1788) 1781 in den Königsbergischen Gelehrten und Politischen Zeitungen, d.h. im 37. Stück, S. 145f., im 38. Stück, S. 149f., in der Beilage zum 38. Stück sowie im 39. Stück, S. 153f. besorgt wurde (s. B 10, S. 702). Leider gilt diese Journalpublikation mittlerweile als verschollen. Bei der zweiten Zeitschriftenpublikation handelt es sich um die von Günther von Goeckingk (1748-1828) Jahre nach Lessings Tod 1786 im Journal von und für Deutschland, im 3. Jahrgang, 8. Stück, S. 169f. bekannt gemachten Berichtigungen des 4ten und 5ten Lessingischen Gesprächs, Ernst und Falk, die im Digitalisat (Universität Bielefeld) unten zugänglich gemacht werden.
Abgesehen von der nun erstmals (ebenfalls unter ,Blättern') zugänglichen Druckvorlage für den Erstdruck versammelt diese Seite erstmals die Briefe zur Provenienz dieser handschriftlichen Druckvorlage (bis 1897 im Besitz eines Nachfahren Georg C. Lichtenbergs (1742-1799), Emil Lichtenberg, der sie an den Großneffen Lessings und Autographensammler Carl Robert Lessing, 1827-1911, verkaufte). Zudem macht diese Edition eine Transkription der sog. Paralipomena zu Ernst und Falk (nach der von LM 15, S. 484-490 zugrunde gelegten, Nicolaischen Abschrift) zugänglich, welche Lessings bibliographische Notizen zum Ursprung der Freimaurerei dokumentieren, zu der er in der Wolfenbütteler Bibliothek viel Material finden konnte. Der Status des Exzerpts ist diskutabel (vgl. Guthke 1981 und Voges 1981), wenngleich angenommen werden kann, dass Lessing die Recherchen wohl einige Zeit (Jahre) vor der intensiveren Ausarbeitung von Ernst und Falk betrieb.
Schließlich werden die für den engeren Entstehungs- und Publikationszeitraum von Ernst und Falk relevanten Briefe von und an Lessing in Form eines Repertoriums verzeichnet (in der Textgestalt nach B 12, Briefe von und an Lessing 1776-1781).
Auf dieser Seite werden zum besseren Verständnis die oben genannten, zum Werkkontext gehörenden und noch zugänglichen Schriften abseits der konstituierten Textfassungen von Ernst und Falk zusammengestellt. Hierunter finden sich:
- Lessings handschriftliche, bibliographische Vorstudien zum Freimaurertum und seiner Geschichte, die sog. Paralipomena zu Ernst und Falk (in einer Transkription der von LM edierten Nicolaischen Abschrift, vgl. LM 15, S. 484-490)
- die von Leopold Friedrich Günther von Goeckingk 1786 unter dem Titel Berichtigungen des 4ten und 5ten Lessingischen Gesprächs, Ernst und Falk eingebrachten Korrekturen Lessings an Knigges Fortsetzungsdruck (s. Digitalisat des Journal von und für Deutschland, 3. Jahrgang, 8. Stück, S. 169f., bestandslagernd an der Universität Bielefeld)
- die überlieferten Briefe zur Provenienz des Manuskripts (1778a-HS) sowie
- die bereits von B 12 erschlossenen Briefe von und an Lessing aus dem Entstehungs- und Publikationskontext in Form eines Repertoriums.