Philologische Einführung
Lessings Freimaurerdialog Ernst und Falk nimmt das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Umbruch begriffene und unter Reformdruck stehende Freimaurertum zum Ausgangspunkt, philosophische Betrachtungen über das Verhältnis von Freundschaft, Verbündung, Staat und Gesellschaft anzustellen.
Thematisch verhandelt der szenische Dialog zwischen Ernst und Falk das geheimnisumwobene Wesen und Organisationsprinzip des Freimaurertums. Dabei berührt die freundschaftliche Unterredung zwischen dem Eingeweihten Falk und dem zu Beginn noch keiner Loge angehörigen Ernst vielfältige Kontexte, die vom politischen Anspruch der Freimaurer über die Frage der Zugehörigkeit und Religion ihrer Mitglieder bis hin zur Herleitung seiner Ritualpraxis handeln. Zu Lessings spezifischer Gestaltung der Dialogführung gehört, dass das Gespräch viele Abzweigungen nimmt und Störungen unterliegt, welche zur titelgebenden Gliederung in fünf Gespräche mit je unterschiedlichen Schwerpunkten führen.
Im Werkkontext steht Ernst und Falk. Gespräche für Freymäurer unmittelbar in Anschluss an den Fragmentenstreit und vor dem Nathan. Mit den ersten drei Gesprächen ist der Text einer der ersten, die Lessing zu einem Zeitpunkt zu veröffentlichen sucht, als ihn gerade die Resolution seines Herzogs Karl von Braunschweig über die Rücknahme der Zensurfreiheit erreicht hat. Diese war ihm Jahre zuvor für das Wolfenbütteler Periodikum Zur Geschichte und Litteratur. Aus den Schätzen der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel gewährt worden.
Grund für die neuerliche Zensur war Lessings Herausgabe der ,Fragmente eines Ungenannten‘ gewesen, die zahlreiche theologische Streitschriften von orthodoxen Gelehrten wie Johann Melchior Goeze (1717-1786) provoziert hatten und deren Brisanz von Lessing durch seine Zusätze und Kommentierungen weiter diskursiv befeuert worden war. Man kann sagen, dass die sich über mehrere Jahre hin erstreckende Debatte über den Offenbarungsglauben und seine Gründe im Sommer 1778 derart „hochkocht“, dass sich Lessings Fürst zu diesem Schritt gezwungen sieht, um seinen Chefbibliothekar überhaupt noch halten zu können. Verbunden wird die Resolution nicht nur mit einem Vorbehalt für Lessings Druckvorhaben, sondern auch mit der temporären Beschlagnahme seiner gerade aus der Feder geflossenen Manuskripte. Zu einem der ersten Texte, die der Zensur unterliegen, gehört dabei Ernst und Falk. Gespräche für Freymäurer, die Lessing nach heutigem Wissen zuvor im Korrespondenz-Umfeld gestreut hatte, und zu seinen Lebzeiten in zwei Textteilen gedruckt werden.
Autorisation
Der Publikationskontext ist insofern komplex, als Lessing seinerzeit nur die Gespräche I-III in den Druck gab (beim Göttinger Verleger Dieterich). Nachweislich zirkulierte der Freimaurerdialog in Abschriften aber bereits seit dem Winter 1777 unter Freunden Lessings und im Freimaurermilieu. Den Besitz und die Lektüre aller fünf Gespräche für Freymäurer, d. h. den vollständigen Text, bezeugt der Dankesbrief von Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel – dem Bruder des regierenden Herzogs – vom 29. Juli 1778, noch vor Drucklegung des ersten Teils (Erstdruck der Gespräche I-III von 1778), s. die Klassiker-Ausgabe [im Folgenden durch B mit Band- und Seitenzahl abgekürzt, s. Forschungsbibliographie]: B 12, S. 157f.; Brief Nr. 1379. Wiewohl die Titelei des Erstdrucks von 1778 neben dem Druckort ,Wolfenbüttel‘ keinen Verfasser nennt, besteht in der Forschung breiter Konsens, dass Lessings Verfasserschaft vorauszusetzen ist (vgl. B 10, S. 700ff. und Fick 2016, S. 403ff.). Da von Lessings Seite in Erwartung der Zensur eine Drucklegung der Gespräche IV-V unterblieb, erschien der Fortsetzungsdruck erst 1780 durch einen anonymen Herausgeber (nach heutigem Erkenntnisstand kommt dafür Adolph Freiherr von Knigge in Betracht, s. B 10, S. 711 auf Basis von Fenner, Neuigkeiten über Knigge und Lessing (1994), S. 478-483, s. Forschungsbibliographie).
Obwohl dieser in die originäre Textgestalt eingriff (u. a. mit einer an den Erstdruck angelehnten, fingierten ,Vorrede eines Dritten‘; weiterhin durch Streichungen, Asteriske, die freimaurertypische Namen bzw. Begriffe verschlüsselten), bildet diese Textfassung die einzig zuverlässige Grundlage für die Rezeption und Wirkungsgeschichte. Sie wird deshalb bereits von Lachmann/Muncker (1897) [im Folgenden durch LM mit römischer Band- und arabischer Seitenzahl abgekürzt, s. Forschungsbibliographie] verwendet; wohingegen B für die Gespräche IV-V zwar die gleiche Grundlage wählt, jedoch über den Apparat von LM eine aus den Journalpublikationen von Hamann (1781) und Goeckingk (1786) kompilierte, frühere Textgestalt zu rekonstruieren versucht (vgl. B 10, S. 703). Da Johann Georg Hamanns Journalpublikation in den Königsbergischen Gelehrten und Politischen Zeitungen (und zwar im 37. Stück, S. 145f., im 38. Stück, S. 149f., in der Beilage zum 38. Stück sowie im 39. Stück, S. 153f.) zwar als die Version anzunehmen ist, die Lessings ,Original‘ der Gespräche IV und V am nächsten steht, jedoch kriegsbedingt als verschollen gilt und nicht mehr zugänglich ist, gestaltet sich eine Re-Kompilation der originären Textgestalt über vermittelnde Apparate als problematisch. Daher wird in Abgrenzung zu B 10, S. 43ff. nur auf die einzig vollständig durch den Fortsetzungsdruck von Knigge (1780a) überlieferte Textgestalt zurückgegangen (vgl. LM 13, S. 387-411).
Die von Leopold Friedrich Günther von Goeckingk 1786 unter dem Titel Berichtigungen des 4ten und 5ten Lessingischen Gesprächs, Ernst und Falk eingebrachten Korrekturen Lessings an Knigges Fortsetzungsdruck werden über das Digitalisat des Journal von und für Deutschland, 3. Jahrgang, 8. Stück, S. 169f. bereitgestellt (bestandslagernd an der Universität Bielefeld).
Weitere Hinweise zu dieser Edition:
- Zur Textgrundlage s. ,Blättern‘
- Die Lesefassung auf Basis einer bereinigten Transkription von 1778a/1780a finden Sie unter ,Lesen‘.
- Der Einstiegspunkt ,Rekonstruieren‘ versammelt Dokumente, die Ernst und Falk historisch und inhaltlich kontextualisieren. Erwähnungen der Gespräche in den Briefen aus der Entstehungszeit werden als Repositorium zur Verfügung gestellt; ebenso werden die sog. Paralipomena zu Ernst und Falk und die Berichtigungen des Fortsetzungsdrucks, die auf Goeckingk zurückgehen, in einer Textansicht bereitgestellt. Auch wissenschaftliche Zusatzmaterialien wie Visualisierungen (z. B. von Netzwerken) oder Data Stories, die im Zuge des Editionsvorhabens entstehen, werden hier nach und nach zur Verfügung gestellt.
- Download der Editorischen Dokumentation
Zitiervorschlag:
Take-Walter, Viktoria: Philologische Einführung. In: Digitale Neuedition der Drucke und Schriften G.E. Lessings 1770–1794. Hrsg. von der Projektgruppe ‚Lessing digital. Eingriffsorientierte Edition‘. https://lessing-digital.hab.de/intro/Philologische-Einfuehrung, abgerufen am: 13.05.2026.